
Cooles Geschwätze
„Cooles Geschwätze“ erzählt eine Geschichte vom Sterben. Der Protagonist, ein vom Mainstream modellierter Zyniker, sieht in der Inszenierung seines Hinscheidens die letzte Chance, sein Leben nicht als Versager zu beenden. Dadurch gerät er in die Hände allmachtverrückter Wissenschaft.
Das Buch ist nicht geeignet, sich am Leid anderer zu ergötzen, sich am Sex anderer aufzuregen oder in Scheinwelten zu versinken. Es kommt allerdings nicht im Korsett leichter Sprache und Barrierefreiheit daher.
Während einer Italiensreise erlebt der Protagonist des Romanes, Klaus-Dieter Kuhl, in Bergamo den Ausbruch der Corona Seuche. Er gerät unter die Verstorbenen, kann als Scheintoter erkannt und vor dem Massengrab gerettet werden. In Frankfurt an der Oder zurück, kündigt er seine Stellung als Schulleiter, bewirbt sich als Fahrrad-Bote und trifft Morgenstern und die Emigrantin Kurtasha. Letztere glaubt irrtümlich, in Kuhl einen Mörder und Vergewaltiger aus dem Bosnienkrieg wiederzusehen. Sie infiziert ihn bewusst mit Krankenhauskeimen. Kuhl erkrankt, die Kurtasha erkennt ihren Irrtum und pflegt ihn selbstlos. Während eines Corona-Hilfseinsatzes im Krankenhaus lernt Morgenstern die wissenschaftliche Assistentin Steffen kennen. Er erzählt ihr von Kuhl`s sonderbaren Schlaf- und Traumphänomenen. Die junge Wissenschaftlerin vermutet, dass er ein Fall für die Traumforschung wäre und meldet dies ihrem Doktorvater Sandsteiner, welcher behauptet, Oneironautik lehren zu wollen. Dies ist jedoch geheuchelt und kaschiert seine eigentliche Absicht. Sie besteht in der unmittelbaren Kopplung von natürlicher und künstlicher Intelligenz mit dem Ziel der Bildgebung von Gedanken. Die Hypothese, dass Kuhl ein Theratom im Cortex hat, macht ihn dafür zu einem unverzichtbaren Probanden. Kuhl ahnt die Missbrauchs Potentiale dieser Forschung und verweigert sich. Er erkennt sich als Klugscheißer und Versager. Sein einziger Wunsch besteht darin, möglichst viele seiner Organe zu spenden, um wenigstens über den Tod hinaus in anderen Menschen sinnvoll weiterzuleben. Wenn ihm dies möglich würde, wäre er bereit, Sandsteiners Experimente zu ertragen. Sandsteiner holt Dr. Baranowska, die in der Ukraine Xeno-Transplantation mit dem Ziel erforscht, menschliche Organspenden in Schweinen
lebend zu parken, bis geeignete Empfänger sie benötigen. Die davon hören, sind entsetzt. Gemeinsam mit Burgner, der sich mit Kuhl angefreundet hatte, bereiten sie Kuhls Rettung vor. Am 22.April 2022 führen sie ihr Vorhaben aus. Die Medien melden den Einmarsch der Russen in die Ukraine. Kuhl,, im Entführungswagen, hört die Nachricht und stirbt. Da sie in der Nähe der Markgrafen Steine bei Rauen sind, wird beschlossen, sich dort des Leichnams zu entledigen. Sie schaffen Kuhl hinauf und bestatten ihn in flacher Grube. Man darf annehmen, dass er also doch unter die Schweine kam, seien es auch nur die Wilden gewesen.
Leseproben aus "Cooles Geschwätze"
Kapitel 1
Während einer Italienreise im Jahre 2020 besuchte Klaus-Dieter Kuhl die Stadt Bergamo in der Lombardei. Er beschloss, an diesem hellen Ort länger zu verweilen. Es waren Winterferien, Ende Februar, der Frühling angebrochen; er wollte die Museen stürmen und vom süßen Leben kosten.
Kuhl mietete sich in der Citta Alta ein und nutzte die Tage. Seiner Stimmung gemäß zwang er sich, auf Medien zu verzichten. Sein Interesse galt Gaetano Donizetti, den er wegen dessen riesigen und universalgelehrten Werkes bewunderte. Er vertiefte sich besonders in die Leidensgeschichte des sterbenden Komponisten. Donizettis Cervikalsyndrom, welches man als Vorwand nutzte, ihn mit Hilfe von Lügen und gegen seinen Willen ins Irrenhaus zwangseinzuweisen, ging Kuhl sehr nahe, weil er glaubte, bei sich selber seit kurzer Zeit entsprechende Symptome zu erleiden.
An einem besonders schönen Märztag, von einem mehrtägigen Ausflug nach Florenz zurückgekommen, ging er in die Basilika di Santa Maria Maggiore, um die Grabstätte Donizettis zu ehren. Als er tief gerührt an den Löwen aus rotem Veroneser Marmor vorbei ins Freie trat, sah er festüberplante Lastwagen, die etwas abseits der Basilika in Kolonne auffuhren. Ein süßlicher Geruch wehte von dort heran. Kuhl startete sein Handy vergeblich. Es war ohne Strom. Er eilte zum nächsten Kiosk, blieb plötzlich, seine Augen waren weit aufgerissenen, stehen und sackte zusammen.
Als er wieder zu sich kam, lag er in einem Bett des Hospitals Pesenti Fenarolin, vor einer grünen Wand, deren Firnis abblätterte, zwischen vielen anderen Betten. Er rief und musste warten, bis ein englisch sprechender, völlig vermummter Arzt ihm ein Schild am Bett zeigte, auf dem „Unbekannt verstorben“ stand und er großes Glück gehabt hätte. Denn leblos aufgefunden, wäre ein noch nicht approbierter Medizin-Frischling schon bereit gewesen, ihn mit den Toten in die Basilika zu überführen. Ein Unsinn, für den man sich nicht genug entschuldigen könne. Angeregt vom schlechten Gewissen hätte man ihn aber, trotz des Corona-Chaos, so gut, wie es die Situation zuließ, untersucht. Covid wäre nicht nachzuweisen gewesen. Allerdings müsse man ihn auf seinen sehr schlechten Allgemeinzustand aufmerksam machen, seine ungewöhnlich tiefe Ohnmacht beruhe auf ernste Ursachen und er müsse sich in Deutschland unbedingt einer gründlichen Diagnostik ausliefern.
Kuhl bekam ein Couvert mit vermeintlich von nun an obligatorisch gewordenen Bescheinigungen, weil sonst eine Ausreise nach Deutschland nicht möglich wäre. Der Totgesagte lächelte und fühlte sich pudelwohl. Die tiefe Ohnmacht hatte ihm gutgetan. Im von der Seuche geschürten Durcheinander des Airports fragte ausgerechnet ihn keiner nach den Papieren. Andere blieben tagelang auf der Strecke. Kuhl hingegen kam so glatt über die Grenzen, dass er das Couvert noch nicht einmal öffnen musste. In Frankfurt wollte er es wegwerfen, sah jedoch nach und fand das Protokoll seiner sogenannten Auffinde-Situation und einen Totenschein. Korrekt von Klinik und Stadt in italienischer und englischer Sprache ausgestellt und gestempelt, allerdings weder mit Datum noch mit Unterschrift versehen.
Kuhl grinste nur und murmelte etwas wie „Fatum“. Er verwahrte den Blanko-Schein sorgfältig.
Kuhls Leben schien sich über den ersten Corona-Sommer zu verändern. Er wirkte schwermütig. Als wäre er in Tagträumen versunken, blieb er über Stunden stumm. Man bemerkte erstaunt den Verzicht, mit Wissens-Würfen Gespräche zu dominieren. Dies machte besorgt und erleichterte zugleich.
Die Erfolge der Schule ließen nach. Der adlige Besitzer verlangte Aufklärung und Kuhls bereits überfälligen Besuch beim Amtsarzt. Der ordnete weitere Diagnostik an, der sich Kuhl, wenn auch widerwillig, unterzog.
Das Ergebnis schien eindeutig. Man sagte es ihm nicht gleich auf den Kopf zu. „Es gibt immer einen Weg! Ihr Hausarzt wird ihnen die Einzelheiten erklären“ – wurde ihm sibyllinisch mitgeteilt.
Der Hausarzt, ein gewisser Dr. Minderhammer, druckste ebenfalls. Seine huschenden Augen unter dichten Brauen offenbarten ein Ringen zwischen Mitleidspflicht und Entdeckerfreude.
„Es sieht so aus als könnte es ein Blastom sein, also Hirntumor, verstehen sie?“
Als wäre er der Betroffene, schwieg der Arzt berührt und mahnte nach einem Räuspern, dies und das noch zu tun, vieles aber zu vermeiden. Kuhl hörte ihn an, unterbrach nicht, sondern lächelte. Die Frage, ob er so, nach Befolgung der Ratschläge, eines glücklichen Todes stürbe, hatte der Arzt nicht erwartet.
„Also?“ - drängte Kuhl und sah Minderhammer während der etwas verhaspelten Antwort eindringlich an. Unerwartet erhob er sich schließlich mitten in einem der das Ende nicht findenden Sätze und verließ in auffallend veränderter Körperhaltung, steifer und krummer zugleich, die Praxis.
(Jedem Kapitel sind Kuhls Reflexionen zugefügt, die er in wirren Worten (Cooles Geschwätze) als
"Kuhles Geschwätze" seinem Diktiergerät anvertraute)
Kapitel 1: Kuhles Geschwätze
…Ich fühle mich seit Italien in eine Blase versetzt, vor deren Haut die Welt zwar noch anschaulich, aber nicht mehr antastbar erscheint. Der Tod durchquert sie beliebig! Ich werde mit Niemandem darüber reden und Rückzug, Alleinsein und Einsamkeit in Askese erkämpfen…
…Seit dem Sommer vorigen Jahres besitzt die Seuche den Namen COVID-SARS 19. Sie war, natürlich nur im bösen China und für uns kaum gefährlich, eine Epidemie. Und nun, Tage des Februars, Tage des Märzens, ist sie plötzlich und besonders für uns eine Pandemie...
…Ärzte!! Ihre Werkzeuge haben sich verbessert. Tief gefallen jedoch sind sie im Vergleich zu Medizinmännern in der Menschlichkeit. Sie können mir nicht in die Augen sehen, wenn sie mich aufgeben. Ihre Schuldigkeit, so scheinen sie geplagt zu ahnen, haben sie nicht getan...
…Mir steht die größtmögliche Sensation eines Lebens unmittelbar ins Haus. Jetzt muss ich zu allererst lernen, still zu halten. Mich bedrängt bei allem, was ich tue, die Metapher: „Das letzte Mal!“ Sie besetzt meine Gedanken, wie vor einer Abreise...
…Schwarz erzählt, dass es im Herbst weltweit mehr als 30.000.000 Verseuchte gäbe und über 1.000.000 Tote. Er hätte da so seine Quellen. Er wäre sehr gefasst, aber ich müsse Angst haben. Ohne Gottvertrauen und obendrein mit einem verirrten Gemüt sei man eben nicht gewappnet!...
…Die Oder ist ein herrlicher Strom. Seine Macht über mich ist gewaltig. Es soll nun keinen Tag mehr geben, an dem ich nicht zu ihm gehe und seine Existenz bestaune. Er kommt von der mehr geahnten als gesehenen Eisenbahnbrücke her, breitet sich am Salzmarkt, stemmt sich gegen Friedenskirche und Konzerthalle, um schließlich, hinterm bläuenden Winterhafen dem Auge zu entfliehen. Ein mir zuströmendes Sein, denke ich…
…Ich verändere mein Aussehen, kämme meine Haare streng nach hinten, will mich nicht mehr rasieren. Es geschieht einfach, ich weiß nicht, warum ich es tue. Nachdem ich einen Anzug und einen langen Mantel in Polen gekauft habe, erschrecke ich vor jedem Spiegel…
…Was manche Kinder doch für konsequente Väter haben. Ein Betrunkener sagt seinem Töchterchen in aller Öffentlichkeit die Wahrheit. Ich hätte ihm gerne Beifall gespendet und dem Mädchen zum Vater gratuliert. Doch der hat mich ein Gespenst genannt und mir geraten, Schnaps zu trinken. Warum nicht? Vielleich war er Sokrates Geist. Man wich vor mir zurück…
…Ein altes Weib beschimpfte mich. Hurra, der erste Erfolg meiner Verwandlung. Die Hysterie ist so weit gediehen, dass manche selbst in ihren Wohnungen Maske tragen…
…Ich muss hinaus als einer, der den Sterbenden zurücklässt und dem Lebendigen alle Freiheiten gibt. Jedoch auf der Oder-Terrasse hat Korona die Menschen weggefegt. Mein Selbstgespräch dreht sich um die Frage, ob dieser zweite der letzte „Lock-Down“ sei. Für mich ist er es gewiss. Ich suche nach einem deutschen Begriff für den Anglizismus, glaube ihn mit „Stillstand“ gefunden zu haben. „Völlig stille steht die Welt, bevor sie in den Abgrund fällt…!“. Was für eine Verzweiflung!...
…Ich sehe die Straße hinauf und hinunter, sehe nur drei Gestalten zwischen Brunnenplatz und Slubicer Straße, huschenden Schatten gleich, die auf der Flucht sind...
…Wieder bin ich dabei, meinen Frust in druckreife Sätze zu fassen. Wer oktroyiert solche Sätze? Dienen sie der Angst als Fähre zu festerem Gestade? Es ist Empörung! Sie erwächst aus Zorn über den Stau ausgegorener Formulierungen, die im Kopf stecken bleiben, weil Unausgegorenes den öffentlichen Diskurs besetzt und mir Nichtprivilegierten jede Teilnahme verwehrt...
…Sterben als Show. Wie macht man das. Ob ich verrückt bin? Diesmal stehe ich auf der Oder-Terrasse, vor der Sonnenuhr und sehe nach Polen hinüber. Hier hat ein Fürst seine Sensation gegeben und starb daran. Ein paar tausend Meter weiter bekam Ewald von Kleist den Heldentod. Einige Schritte zum Holzmarkt hin hatte die alte Sottmeyer im hellen Feuer große Öffentlichkeit. Und Heinrich? Wieviel Frankfurt, wieviel Oder trug er im Herzen, damals, beim Spektakel am Wannsee?...
…Ich habe Wodka bei mir und trinke. Ein feiner kalter Wind trägt den Geruch von See und Auenwald über den Strom. „Die ganze Flasche werde ich trinken, die ganze Flasche!“ –setze ich an und tue es. Könnte ich jetzt nicht bequem sterben, bewusstlos, besoffen, hinein in die Oder. Würde nicht irgendwann gesagt werden, Leopold von Braunschweig und auch ein gewisses Individuum aus dem Westen, unrasiert, im langen Mantel, sind gar nicht weit voneinander in der Oder bei Frankfurt ertrunken?...
…Ein Gewitter zieht auf. Das letzte des Jahres, denke ich und erschrecke. Nicht des Jahres, deines Lebens! Es verdüstert mich, dunkler noch, als den Himmel. Und schon vorbei! Wie die Sonne mit der letzten Windböe hervortritt und ihr millionenfach aus allen Tropfen Ebenbilder entgegenstrahlen, so habe ich plötzlich Hoffnung…
…Ich kann nichts gegen die Tränen tun, will auf den Hohen Stuhl an der Oderpromonade steigen. Er ist für Riesen aufgestellt, gegenüber seinem Pendant in Polen, als Symbol gleicher Hybris; in Frankfurt gepflegt, in Slubice verfallen. Ich rutsche ab. „Jetzt erst recht!“ - keuche ich im jämmerlichen Hinaufkrabbeln und Hangeln…
…Ich stehe auf dem Stuhl, lache hysterisch. „Mein Spektakel!“ – rufe ich der Menschenleere zu. Eingefallen war mir eben, dass meine Mutter vor dem Sterben in der Öffentlichkeit deshalb Angst hatte, weil sie befürchtete, ihre Leiche mit beschmutzter Unterwäsche zurückzulassen. Ist das nicht meine Flasche, da, unter dem Stuhl?...
…Stille halten, das ist vorbei! Ich werde jetzt auftreten gegen den in der Pandemie zur Heuchelei gewordenen Demokratierummel Als ein Rummelboxer! Freiheitlich demokratische Grundordnung: was hat sie doch für Jammerlappen in die Entscheidungsebenen gespült. Jawohl. Ich habe es versucht, mich einzusperren. Aber es ist nun einmal so: Ich gehöre ins Freie, auf die Rampe, in die Konfrontation. Ich habe ja nichts weiter zu verlieren außer der Angst!...
…Vielleicht sterbe ich deshalb so retardiert, um meine Berufung zu vollenden, nämlich schamloser Agitator des besseren Wissens zu sein, geistlose Informiertheit zurückzudrängen und so das reine Gute für jedermann erlebbar als Quelle fremder Glückseligkeit und eigener Vollkommenheit zu zeigen? Zwingen mich gar intelligible Plichten zum Auftritt? Ich fühle mich ein bisschen wie Sokrates. Halte auf der Agora überwürzte Reden vor faden Nur-Alphabeten…
…Meine einzige Angst, Ängstliche nicht zu beherrschen und der Mob nicht mehr vor mir erschrickt. Ich treibe in die Bedeutungslosigkeit, bin wie eine vom Fuhrwerk gefallene Rübe, die in den Graben rollt. Meine Frisur, der Mantel, der Hut: Ich habe es mir angeschafft, um wenigstens mich selbst noch zu bemerken, mir wenigstens selber aufzufallen….
Aus Kapitel 2
....Nur wenige Tage später zelebrierte Kuhl seine Rache. Das johlende Individuum hatte ihn wohl auf das „Wie“ gebracht. Selbstverständlich handelte er anhand verfeinerter Regie.
Kuhl begab sich zum Brunnenplatz. Dort waren trotz Corona doch noch einige vermummte Passanten unterwegs. Wo sich einst im November 89 an „Schulzes Panzersperre“, einer damals intervallmäßig aufbrausenden Fontänen-Reihe, ein Mediziner schon einmal über Demokratie lauthals artikuliert hatte und deshalb mit einer Erinnerungstafel geehrt war, begann er sein Spiel. Vom besoffenen Vater in der Lindenstraße inspiriert, begann er, in eine Mundharmonika blasend, Kasatschok-Schritte auf dieser Tafel zu tanzen. So hatte er alsbald den erhofften Zuschauerkreis, dem in kulturloser, öder Corona Zeit das Dümmste noch gut genug war, um sich zu amüsieren. Als er schweren Atems einhielt, wollten die Leute mit kleiner Münze bezahlen, aber Kuhl forderte andere Belohnung.
„Ich heiße Sokrates“ - japste er – „gebt mir erst eure Masken und dann den Schierling.“
Es wurde ein Renner! Das überdurchschnittliche Wissen der Frankfurter brachte sehr schnell auch die schlichtere Minderheit auf das erforderliche Niveau, um mitreden zu können. Pfeifend und lachend wurde bewundert und geschimpft.
Sokrates war nun in aller Munde. Die Situation wäre reif gewesen, die Heldentat des Mediziners zwar nicht vor großem, aber sehr freundlich gestimmtem Publikum zu wiederholen.
Doch Kuhl sackte plötzlich wie gefällt auf die Tafel. Still lag er da, seine Augen flatternden unter den geschlossenen Lidern, was einer der Experten sofort diagnostizierte, um ihm, bis dreißig zählend, einen Kuss in den Bart setzen zu wollen. Die Schnelle Hilfe kam jedoch rechtzeitig und entzog der Sensation das Objekt.
Später hieß es, dass diese Aktion unmittelbar zum Anlass wurde, die Maskenpflicht am Oberen Brunnenplatz trotz weiter grassierender Seuche aufzuheben. Auch hätte sie die Frankfurter Querdenker-Szene initiiert, welche später jeden Montag sendungsbewusst einherschritt. Es wurden Abendspaziergänge organisiert, welche von Woche zu Woche anwuchsen und schließlich mehrere tausend Teilnehmer umfassten. Die Presse, die nicht wahrhaben wollte, dass die veröffentlichte Meinung nicht die öffentliche Meinung wiedergibt, schob alles auf die Rechtsextremen. Viele beanspruchten, Ideengeber gewesen zu sein.
....
Dann kam der Tag, an dem Schwarz erfuhr, wie es um seinen Mitbewohner steht. Es war Anfang Dezember und ständiger Wetterwechsel von zu kalt und zu warm. Kuhl schmiss die Tür der Dachkammer krachend zu, stürzte in seine Wohnung und rief:
„Weg mit dem Leben!“
Wie oft nach solchem Theater trat bedrückende Stille ein. Schwarz fühlte sich zu seinem Dienst gezwungen und lauschte an der Tür. Kuhl wird es geahnt haben. Betont albern rief er jäh, laut und unvermittelt:
„Und du, oh mein Kamin, du jahrelang einzige Wärme, einziges Licht für mein kaltes, düsteres Spießerherz! Nimm nun auch diese Blätter. Schlucke sie und stinke noch stärker als bisher aus dem Maul!“
Während er diese Worte sagte, stieß er die Tür abrupt auf und enttarnte den Lauscher. Der Kamin schlug im jähen Luftzug hohe Flammen. Kuhl lächelte, provokant verzeihend, und nahm schon angekohlte Blätter aus dem Feuer und hielt sie Schwarz entgegen.
„Ach, auf Lauschposten bist du, na gut, immer frisch ans Werk. Hier, zur Belohnung!“
Erschreckt gehorsam griff Schwarz vorsichtig das glimmende Geschreibsel und wollte es leise lesen.
„Laut!“ – rief Kuhl – „lies laut! Alle Spione, Verfolger und Maulaffen sollen es hören!“
Ertappte sind Opportunisten! Der Groll zeigt sich einzig im Gestus. Schwarz, ein bekannt leiser Mensch, brüllte diesmal noch lauter, als Kuhl geschrien hatte und las:
„Ich heiße Klaus Dieter Kuhl. Mit den Umständen meines bisherigen Lebens bin ich zufrieden. Mein jetziger Zustand jedoch fordert von mir, mich zu besinnen, denn ich werde in der nächsten Zeit sterben…!“
Schwarz ließ die Blätter fallen, denn er hatte sich verbrannt. Der Luftzug löschte und fegte sie unter einen großen Schrank. Kuhl klatschte Beifall und sagte:
„Bravo, beinahe fehlerfrei, gewaltig intoniert. Und unter Lebensgefahr tapfer vorgelesen!“
Dann betonte er, hiermit seinem Vermieter mitgeteilt zu haben, was der wissen müsse. Ehe Schwarz, ehrlich und tief erschrocken, zu Wort kam, winkte Kuhl ab und nahm einen umfangreichen Hefter in die Hand, der auf dem Schreibtisch gelegen hatte und in dem zur Hälfte abgerissene, eng beschriebene Schriftseiten zu erkennen waren. Schwarz konnte noch die Aufschrift „Mein Leben“ entziffern, da zerrte Kuhl an dem Gehefteten. Jeweils ein halbes Dutzend Seiten, mit einem Schwung, riss er heraus und warf sie, weit verstreuend, zur Zimmerdecke hinauf. Als alles auf die Dielen niedergesunken war, wies er mit einer verächtlichen Handbewegung auf den Fußboden und sagte:
„Das da ist alles bedeutungsloses Zeug. Ich hätte so etwas nie schreiben sollen. Ich selbst bin hinter dieser affektierten Weltsicht nirgends zu finden!“
Auch die nächsten Tage fuhr Kuhl fort, sein Schrifttum zu verbrennen. Der Kamin loderte und erhellte anstößig die Winternächte über dem Giebel der Schwarz-Villa. Er rauchte und qualmte und die Nachbarn beschwerten sich, da schwarze Flocken und halbverbrannte Schnipsel auf die Gärten niederfielen. Ein enger Anwohner brachte so einen Schnipsel, schien dabei bedeutend neugieriger als erbost zu sein. Er glättete den angekohlten Fetzen und las laut vor „…Meme sind infektiöse Sätze mit hoher Virulenz...!“
Schwarz reckte sich und wiegte bedächtig mehrmals den Kopf:
„Herr Professor Kuhl ist etwas derangiert, wie wir Wissenschaftler so sind!“ - säuselte er.
„Bleiben sie cool!“ – antwortete der Nachbar im Gehen – „Will ja nur nachfragen, warum die Gelehrten mit ihren Werken die ohnehin viel zu warme Erde heizen und sich dabei anbrüllen, dass es bis zur Oder schallt? Übrigens, hat Kuhl den Mantel von ihnen?“
Schwarz sah ihm nach. „Warum kann ich den Kerl nicht leiden?“ – murmelte er.
Was sein Mitbewohner da anstellte, konnte so nicht unbeobachtet weiter gehen. Schwarz besorgte sich eine kleinere Standleiter, im Oderland als „Fußtritt“ bezeichnet, um Kuhl, der ja tagsüber im Parterre verblieb, vom Garten her durch die Fenster ständig im Auge zu behalten. Er fühlte sich dazu verpflichtet, denn die Gefahr bestand durchaus, dass der, zum Feuerteufel geworden, sich und dem Anwesen schaden könnte. Vom Tritt spähte er stundenweis aus, was da angestellt wurde und sah, regungs- wie fassungslos, den hin und her hastenden Mann, immer zwischen Schrank und Kamin, Akte um Akte zum Feuer tragen. Auf dem Wege riss er, wie schon gehabt, die Inhalte heraus, warf sie in die Glut und murmelte bei jedem lodernden Aufleuchten etwas, das von draußen nicht zu verstehen war. Hören konnte man nur die Geräusche der dicken Türen des antiken Schrankes, die sich, wenn Kuhl zum Kamin lief, erbärmlich knarrend und klagend wieder schlossen, als wollten sie den über Jahrzehnte abgerungenen Schatz geistiger Arbeit bewahren.
Kuhl schien die Vernichtung der teils vergessenen und teils verschmähten Fragmente zu feiern.
Das Brennen endete jeweils, weit nach Mitternacht, mit einem Knarren der Treppe, weil selbst nach diesem Wüten Kuhl durchaus in der Kammer schlafen wollte. Einmal blieb dieses Geräusch bis zum Morgengrauen aus.
Kuhles Geschwätze
…Sie haben mich aus dem Verkehr gezogen und nach Markendorf transportiert. Ich bin vielleicht gar nicht krank, das Ding im Kopf, nur der Versuch, mich kalt zu stellen. Nun gut, was soll das Gebrüll auf der Straße. Schluss damit. Was die Pandemie an Typen unter die ehrliche Menschheit mischt, ist schauderhaft…
…Ich spiele abschreckendes Theater. Lege mich über den Schreibtisch, tue, als wäre ich ohnmächtig, tue, als wolle ich mit einer bronzenen Axt Existenz-Vernichtern die Schädel spalten und will eigentlich nur Schwarz ärgern. Dabei ist er nur ein lieber, eben pensionierter Kommunal-Politiker, der fest daran glaubt, was er sagt, was er denkt. Seniler Infantilismus…
…Nun glaube ich zu wissen, was zu machen sei: ein Wechsel der Maxime für die letzten Lebenstage. Bisher war ich, wie die Zeitgenossen sind: gierig. Sollte ich nicht selbstlos werden, mein Konto auflösen, mein Geld unauffindbar deponieren, das meiste aber spenden? Nur behalten, um einfachstes Wohnen, Ernähren und Kleiden zu sichern? Ich bräuchte höchstens 6 Quadratmeter Wohnfläche, fünf Euro Tagessatz, trüge meine Kleidung, bis sie Blöße und Erfrieren nicht mehr vereiteln können. Bisher war ich, wie die Zeitgenossen sind: sinnlos auf meinem ökologischen Fußabdruck in den Weltuntergang gestolpert. Sollte ich nun vegan essen, keine Plaste verwenden, auf das Baden in der Wanne verzichten, nicht Auto fahren und nicht fliegen? In Summa: das epikureische Glück in der Bescheidenheit am Ende meiner Tage nicht doch noch erreichen können? Sollte ich?...
…Neulich habe ich einer anwachsenden Gruppe von gelinkten Bürgern Vortrag gehalten. Sie waren begeistert. Doch wenn ich die Anspruchslosen jetzt treffe, schleichen sie, mich abspeisend, an mir vorbei. Obgleich mir das Dozieren schmerzlich fehlen wird und ich es immer noch beherrsche, darf ich die Menschen nicht länger als das behandeln, was sie sind! Sie zu verachten, nimmt mir die Würde! Überdies, meine provozierende Bekleidung! Sie nötigt mich, hat mich im Griff, zwingt mich, närrisch zu sein. Ich hasse mich. Ich unterlasse das auf der Stelle…
…Schwarz gebraucht behavioristisches Vokabular! Ich wäre therapiepflichtig, lautet sein ganz und gar synthetisches Urteil. Du hast recht, mein Freund, ich habe mich selbst aus dem generellen Konzept andressierter Verhaltensmuster ausgemustert und der Zeitgeist hat das Übrige getan und mich zusätzlich abgestoßen. Ich bin nun frei, nichts von meinem Gold wird der Pöbel bekommen. Kein Bündnis von Mob und Elite! Immer erfolgreicher nötige ich meinen Willen autonom. Meine Ohnmacht wird zur Allmacht…
…Seit Tagen lebe ich in einem Abstellraum, der meiner Wohnung zugegeben ist. Mein Auto ist verschenkt. Schwarz ist entsetzt, dass ich meine großzügigen Räume meide und täglich zu der kargen Kammer auf dem Dachboden hinaufsteige…
…Ich habe so getan, als wäre ich im Garten aufgewacht. Ich weiß es nicht, warum ich möchte, dass Schwarz mich als Verrückten sieht. Vielleicht würde ich gerne in seiner Haut stecken und bestrafe ihn deshalb. Er ist ein guter Mensch. Nun hat er mich unter seinem Dach. Was wird er nach meinem baldigen Sterben wohl über mich berichten?
Was für eine Gottesgabe: die frische, geklaute Zwiebel aus der Kälte der Nacht vor Lichtmess…
…Dass ich bald sterben werde, habe ich Schwarz unmissverständlich mitgeteilt. Er hat es wohl schon gewusst, schließlich ist er auch Patient beim Minderhammer. Trotzdem machte ich auch daraus eine Show...
…Eine noch in Heilbronn gewesene Begegnung mit meiner Tochter und ihrem Mann fällt mir ein. Ich hatte damals vor den vollgestopften Fächern meines Sekretärs gestanden, ihnen mehr im Scherz all mein Unvollendetes geschenkt und sie lachend aufgefordert, darauf ihren Ruhm zu bauen. Im Spiegel konnte ich sehen, wie mein Schwiegersohn hinter meinem Rücken eine abwertende, wegwerfende Geste vollführte und meine Tochter, mir einen Vogel zeigend, verschworen dazu nickte. Es traf mich damals. Heute bewundere ich ihre Klugheit. Tag für Tag habe ich nun zerrissen und verbrannt, weggetragen und verschenkt. Mein naher Tod befreit mich endlich von all dieser dreisten Verschriftlichung des Vergeblichen!...
…Was für eine spießige Wohnung! Ich habe drei Zimmern, zwei Bädern, eine gute Küche. Ich besuche sie nur noch, um zu brennen. In meinen Zwiespälten flüstert es. Flüstert von Attitüde, Mache, Überhebung. Flüstert und trifft mich. Ich ahne, dass Schwarz stille dasteht, etwas vorgebeugt, lauschend. Albern gebe ich mein Schauspiel: „Und du, oh mein Kamin“ - rufe ich – … stinke noch stärker als bisher aus dem Maul!“ Schwarz hört ganz gewiss, aufgerissenen Auges, zu. Er geht mir auf den Leim. „Du dichtest ja wieder!“ - ruft er – „Du deklamierst, du heizt! Kehrst du zurück aus deinem Wolkenkuckucksheim?“…
…Ich schleppe aus dem Empireschrank heran, was ich kann. Das Kaminfeuer lodert. Zögerlich werfe ich ein Blatt in die Flammen. „Meme sind infektiöse Sätze mit hoher Virulenz“ – lese ich, was der Brand für Sekunden überdeutlich hervorhebt. Wie es schon einmal ein Verrückter tat, begleite ich die nächste Seite mit einem Kommentar. „Ich übergebe den Flammen die Anmaßungen eines gewissen Kuhl…!“
…Da ist doch noch etwas. Ganz tief muss ich ins unterste Regal des Monstrums hinabtauchen. Sehe einen großen Zettelkasten. Hunderte lose Blätter. Habe keine Ahnung, was dies sein könnte. Ich fühle, wie sich mein Blut hinter der Stirne staut. Wie konnte ich die Gedichte übersehen haben? Der Kamin ist für heute erloschen. Das erleichtert mich für den Augenblick. Gleich Morgen aber fliegen auch sie ins Feuer, ohne Ansehen. Gedichte! Was für eine Überhebung, „Deutsche Gedichte“ zu schreiben. Meine Gedichte sind Gräber gekreuzigter Gefühle. Vielleicht vor Auferstehung irgendwann? Unsinn! Weg damit! Keine Werke mehr. Nur die Vermündlichung todkranker Gedanken. Die Erlebnisse und vor allem das Konfuse, was ich täglich schwatze, speie ich in mein Diktiergerät.
…Vor Jahren hatte ich begonnen, meine Autobiographie zu schreiben und allein bis zur Einschulung schon dutzende Seiten verbraucht. Soll ich das wirklich lesen, bevor es, wie alles andere, verbrennen wird? Ich lasse es Schwarz laut lesen. Hätte ich es doch bleiben lassen. Mich selbst kann ich hinter der affektierten Weltsicht nirgends finden. Wütend habe ich seitenweise herausgerissen. Dann, auf das letzte Blatt, bisher unbeschrieben, drei Sätze notiert, die ich überleben lasse. Ein einziges Blatt in pompöser Mappe mit der Aufschrift „Mein Leben“! Den anderen Bamms gebe ich Schwarz. „Na“, sagt der und „danke!“ Was wird er damit machen? Ich lächle so gut ich kann und nicke ihm stumm zu…
…Welche Erleichterung ist es, nicht mehr jeden Tag auf die großen grünen Schachteln, die schwarzen, überquellenden und von Vernachlässigung schief gewordenen Ordner, die mit Klammern schlampig gebündelten Akten starren zu müssen, worin sich die Sudelbücher, Zettelstapel und jene verzettelte, unvollendete Manuskripte meiner Sensationslust befindet. Jetzt endlich ist das Ganze verarbeitet. Hoffentlich habe ich nichts übrig gelassen…
Kapitel 3
Ende November, schien es Winter zu werden. Frankfurts ohnehin träges Leben nahm Züge einer Agonie an. Straßen im Dunklen, noch mehr dörflich, noch kleinstädtischer als bisher. Das öffentliche Leben verröchelte hustend im Würgegriff der Seuche. Einige Masken huschten hier und da vorüber.
Kuhl freute sich über die im Frost glänzenden Wiesen. Er nahm lächelnd und rüstig in Angriff, woran ihn ein tagewährender Anfall von Neurasthenie, wie er den überwundenen Zustand nannte, gehindert hatte. Er schlich aus der Dachkammer in seine Wohnung zum Empire-Schrank, griff nach dem Note-Book und wollte auch noch die letzten Dateien löschen. Eine hob er bis zum Schluss auf. Ihr Name lautete Memetik. Er steckte einen Stick, zog ihn wieder heraus, installierte ihn erneut, dies mehrere Male und konnte sich nicht entschließen, die Löschtaste zu drücken, sondern kopierte diese Datei. Dann nahm er das Gerät, Hut und Mantel und ging in Richtung Stadt davon.
Auf dem Oder-Damm begegneten ihm mehrere Menschen. Sie zeigten bedenkliche Verhaltensanomalien. Kuhls verstiegenes Äußere fiel kaum auf.
Als würde es nicht bemerkt, attackierte ein gesetzter Bürger wütend den jüngst errichteten Zaun, welcher das Eindringen von Wildschweinen aus Polen verhindern sollte. Etwas weiter kämpfte eine Dame mit zwei Hunden an langer Leine, von denen sie jeweils rechts und links zu den Rändern des Weges gezerrt wurde. Beide Tiere, wie aufeinander abgestimmt, verrichteten gleichzeitig ihre Notdurft. Der Randalierer zeigte drohend auf einen der Hunde und forderte aggressiv, dass die Scheiße wegzuräumen sei. Die Dame begann ihrerseits den Mann anzukeifen. Der, mit Fäusten fuchtelnd, lies vom Zaun ab und lief auf sie zu. Die Hunde kläfften, der Angreifer trat in das vom zweiten Hund Gekackte.
Kuhl starrte den Geschädigten, während der den Schuh mühsam säuberte, voller Interesse an. Das schwächte dessen Contenance zusätzlich.
Auch der Dame gefiel Kuhl ganz und gar nicht und so verbündeten sich die Kontrahenten lautstark gegen die unheimliche Gestalt im lang wehenden Mantel.
Steifer Wind, der nach Schnee duftete und der Möwenschwärme unter eilig ziehende, zu Inseln aufgeriebene, graue Wolken ins Land trieb, dirigierte den Sonnenschein, als sei er dessen Besitzer.
Im plötzlichen Aufflammen der Wintersonne-Sonne glitzert es auf dem Weg, als läge dort blankes Silber. Kuhl bemerkte einen aprikosengroßen, gezackten Stein. Er lag in einer Delle des Straßenbelages, deren Form und Ausmaß genau zu ihm passte.
Kuhl hob den Stein auf, seine Finger zuckten, als hätten sie ins Klebrige oder Warme gegriffen. Er wog den Stein in der Hand. Sein Gesicht verriet Überraschung.
Erneut huschten Sonnenflecken vom Strom her zu den Uferhängen. Für Momente trat alles Verschlagene und Beschissene zurück. Der im dunklen Wasser stehende Auwald leuchtete und erlosch, erlosch und leuchtete. Die Sommereichen hatten alles Laub verloren. Einige Schwarzerlen versuchten, den Rest ihrer kleinen, schmutzig grünen, fleckigen und deshalb krank anmutenden Blätter immer noch festzuhalten, büßten jedoch davon bei jeder Böe ein.
„Also, mach Quartier!“ – rief Kuhl und warf den Computer in das Hochwasser des Auenwaldes, schlapper und zögerlicher als gewollt, so, als fiele er sich selber in den Arm. ....
...
Schwarz fühlte sich verpflichtet, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Einmal lief er ihm sogar in gehöriger Entfernung nach. Kuhl humpelte durch den Kleistpark zu Kantstraße. Es konnte kein Zweifel geben, Kuhl wollte zum Hospiz der Stadt. Das regte den Spion dermaßen auf, dass er das Maß für den Abstand verlor und er bemerkt wurde. Wie zu erwarten war, erntete er eine von Verständnis triefende Arroganz.
„Guten Tag, mein Freund!“ - wurde ihm zugerufen, - mach dir keine Sorgen. Ich gehe da hinein, um dem Ding im Kopf den Spaß zu verderben und dessen Mordlust zu verlachen!“
Gesenkten Hauptes ließ Schwarz von der Observation ab. Sein Opfer ging weiter. Inmitten der Häuser und Villen der Kantstraße, welche anzeigten, dass es bestimmten Frankfurtern besonders gut ging und wieder geht und wo bürgerliche Gediegenheit daran erinnerte, was Heringshändler, Militärs und Beamte erreichen können, nahm sich das Hospiz eher bescheiden aus.
Kuhl trat ohne Zögern ein, verharrte aber in dem erdrückend stillen und verlassen wirkenden Flur.
„Was kann ich für sie tun?“ - trat eine vollschlanke Frau wie aus einer Kulisse hervor und musterte ihn. Kuhl erschrak, als wäre er ertappt. Es schien ihm Mühe zu bereiten, sein Begehr vorzutragen. Er formulierte umständlich, dass er ein Leben lang als Gärtner und Hausmeister gearbeitet habe und nun aus einer späten Einsicht heraus hier ehrenamtlich tätig sein wolle.
Die Frau suchte seine Hände.
„Sonderbar!“ – gab sie leise von sich und blickte ihn in einer Weise an, mit der Menschen begabt sind, welchen selbst im Lächeln die Enttäuschung durchscheint.
„Gehen sie doch bitte wieder!“ - sagte sie und wendete sich von ihm ab.
Kuhl gab hastig zu, gelogen zu haben. In Wirklichkeit sei er Journalist einer großen Zeitung und wolle denen hier, im letzten Haus sozusagen, eine Stimme in der Öffentlichkeit geben, quasi eine Reportage über letzte Weltsicht und Fazit.
„So, eine Reportage“ - “ wiederholte die Frau und winkte ihm, ihr durch den Flur zu folgen.
Sie liefen auf ein unwirklich hell erscheinendes Fenster zu, einer Glasmalerei der Kreuzigung Jesu. Im Vorbeigehen knickste die Oberin, kaum merklich. Kuhl senkte den Blick. Ein anderer Gang winkelt ab. Sie öffnet eine Tür. Auf dem einzigen Bett lag eine Greisin. Blumen unter dem offenen Fenster zitterten mit dem Windzug weißer, leicht gebauschter Gardinen. Das Zimmer glänzte, als leuchtete es. Die Kranke bewegte sich nicht. Nur den Mund weitete sie in lauten, pfeifenden Atemzügen und schloss ihn jedes Mal nur halb. Die Nase, bleich und wie aus Wachs, trat hervor, als könnte die Frau deren Länge beliebig verlängern und verkürzen.
„Sie wird heute noch sterben“ – hörte Kuhl und erbleichte – „also beeilen sie sich mit Weltsicht und Fazit. Fragen sie sie doch, was diese da wohl von der Politik der Großen Koalition hält und wie sie die Ereignisse auf Lesbos einschätzt. Was wissen eigentlich solche wie sie vom Sterben?“
Kuhles Geschwätze
…Ich vermag es nicht, alles endgültig zu löschen. Ich ziehe Grimassen, verharre. Meine geistige Substanz ist der Wankelmut. Er ist mir gewiss. Er ist der missratene Bruder des Zweifels. Mit den „Infektiösen Sätzen“ bringe ich es nicht übers Herz. Ich lasse den Ordner auf dem nun völlig leeren Schirm hin und her tanzen und habe nicht die Kraft, zu vollenden. Ich ziehe eine externe Kopie…
…Müsste ich nicht die Werke leben lassen, also nicht sie, sondern mich verbrennen und ersäufen? Was passiert denn schon. Da springt ein überkandidelter Mann durch seine letzten Tage; immer hinter sich her, kann sich nicht fassen, bleibt sich fremd, stirbt endlich. Vorher ertränke ich aber noch das Ungetüm! Was nicht brennt, muss ersäuft werden. Ich will es schnell erledigen. Ich spüre, wie die beharrenden Kräfte an Macht gewinnen…
…Begegnung gibt es nicht in der Pandemie! Schnelles Vorbeigehen, größtmöglicher Abstand, abgewendetes Gesicht, Leidensmine, allgemeines Beleidigt sein und, wenn Gesichter überhaupt noch zu unterscheiden sind, Groll und kaum unterdrückte Angriffslust darin. Auch gut, denke ich…
…Schlägt mir das letzte Mal solch Wind spitz ins Gesicht, pfeift er mir das letzte Mal in den Ohren? Nein! Noch habe ich Zeit. Aber ich werde wiederkommen. Zum letzten Stündchen, bevor die Glocke schlägt, werde ich genau hier endgültig hineingehen, stur, aufrecht, Wasser und Schlamm nicht aufrühren, hineingleiten und spurlos versinken. Werde also das Ding im Kopf, wie vorerst nur seine Auswürfe, ersäufen! In der Tasche umspielen meine Hände den Stick. Die Memetik wird bleiben! Oh, die Hoffnung ist das Agar-Agar, auf dem die Narren wachsen…
…Auf dem Oder Damm habe ich einen Stein gefunden. Es könnte ein Glimmer, ein Eisenstein sein, die schwarzen, scharfen Kanten passen jedoch mehr zu einem Feuerstein. „Jedenfalls interessant“ - murmle ich, stecke ihn in die Tasche und fühle den Stick mit der vorläufig der Vergänglichkeit entrissenen Memetik. „Sie passen zusammen“ - geht mir noch durch den Kopf…
…Was für ein Traum! Bin aus dem Haus gerannt, nein, mit einem einzigen gewaltigen Sprung bis an die Oder. Ich konnte übers Wasser laufen, bin mir dessen ganz sicher. Papierschiffchen rieselten herab, aus beschriebenen Bögen gefaltete, auf denen Texte meines Hauptwerkes stehen. Die Memetik! Menschen fischten danach und jubelten, wenn sie eines ergattern konnten. Mein Note-Book aber, unter dem Mantel hatte ich ihn ans tobende Herz gedrückt…
…Der Traum erschüttert mein Herz! Ich bin ganz und gar sein Regisseur; er ist selbst in der Erinnerung realer, als alles andere umher. Er hat das entscheidende Wort gesprochen: alles muss vernichtet werden, verbrannt ist es schon. Nun wird ertränkt! Schwarz hat es gesagt, ich habe es geträumt: von Laien gelöschte Dateien können Profis vollständig wieder herstellen! Hungrige, nicht wählerische Aasgeier könnten sich, wenn auch mit karger Mahlzeit, für ein Weilchen substantiell über Wasser halten! Wasser! Selbstverständlich: in die Oder mit dem Gerät! Und dies so schnell wie möglich
„…Der Laptop schien an den Händen zu kleben. Kein großer Wurf! Nun ist er abgesoffen. Wie cool ist das denn?“…
…Mir war es schwarz vor Augen. Nirgends hatte ich halt. Meine Hände krampften zusammen, als wäre noch immer der Computer da gewesen und ich könnte mich an ihm festhalten. Ich erinnere mich: Der Bitumen auf dem Damm roch plötzlich noch aufdringlicher und es war finster. Ohne Besinnung, lag ich am Boden, ausgestreckt, der Asphalt quetschte meine Nase. Erschrocken drehte ich mich auf den Rücken. An Schulter und Hinterkopf gründelte ein scharfer Schmerz…
…Ich blinzle. Kalte Sonne, für Momente unbewölkt, fällt mir durch kahle Zweige in die Augen, gedunkelt, kreisrund, wie hinter einer milchigen Scheibe. Als wäre ich im Streik, bleibe ich trotzig liegen. Jäh durchströmt mich ein Zwang zur Inventur: Ich habe meine Werke weggeworfen und bin umgeworfen worden dabei. All mein Geschmiere, eigentlich nur Locklicht und Leimstreifen für Menschengunst, ist verbrannt und nun auch ersäuft...
…Ich habe mich nach einigen Minuten aus eigener Kraft erhoben, den Mantel glattgestrichen. Ich hatte Blut an den Händen. Was ich nicht vermochte, war auch nicht geschehen. Oh, wiederum hätte ich sterben können. Nicht auf der Rampe, sondern auf dem Damm. Nicht im Scheinwerferlicht, sondern in eilenden Wolkenschatten…
…Jetzt ist auch die Memetik hin, durchfuhr es mich. War ich es, der ihr nun nachjagte, sie retten wollte, für alles andere besinnungslos? War ich es, der sie aus dem Sumpf herausholte, der das flache, schwarze Ding, voller Moder und Wasserpest, wie eine Trophäe, affektiert über dem Kopf hin und her schwenkte? - Jedenfalls war es wieder zuhanden. Es weinte, fand ich…
...Hat mir denn Niemand geholfen? Ein betrunkener Pole – wird man gesagt haben. Kann es sein, dass die Pandemie bereits so viel Schrecken und Angst verbreitet, dass man Empathie unterdrückt? Die Corona-Masken, die Medien, der Unmut schnüren unsere Herzen…
…Ja, ich will das Sterben lernen! Welche Akademie wäre besser geeignet und hätte ausgefeiltere Lehrpläne dafür, den Tod zu studieren, als ein Hospiz? Braucht es nicht auch eines Sterben Lehrens? Vielleicht werde ich am Ende doch noch ein Berufener! Professor für Thanatologie Oh, wie wehrt man sich gegen Viren in geistigen Aerosolen? Wie desinfiziert man ein Gehirn? Welche Maske ist dicht genug, den Fallout der Gedankenverschmutzung zu filtern? Nichts anderes fällt mir ein als „Die Totenmaske!“ Ich bin fraglos verseucht. Aber, vielleicht muss ich ja gar nichts mehr tun. Vielleicht sterbe ich heute Nacht und komme so davon? ...
Das Hospiz ist das kleinste Haus der Straße, das kleinste Haus für den größten Schritt im Leben! Und spotte, dass es auch nicht groß sein müsse, denn es habe ja einen schnellen „Umsatz“! Umsatz! Was für ein Begriff an diesem Ort? Mich umfing ein Gefühl der Abwesenheit. Wurde ich vom Geruch, vom Zweck, vom Geist des Ortes abgewiesen? Ich ließ durchblicken, dass ich arbeiten wolle, überdies ein starker Kerl sei, der in Garten und Haus, aber auch bei der Pflege Gebrechlicher helfen könne. Man wischte meine Lügen fort und beschämte mich durch Wahrhaftigkeit. Wäre ich doch gleich wieder gegangen. Das Haus hatte mich im Griff. Wie schön das Zimmer war, wie gepflegt! Überhaupt, die ganze Gediegenheit des Hauses. Es lässt sich dort sicher gut sterben. Gäbe es nicht solche Scheusale wie mich, bliebe man ungestört! Ichwollte mich entschuldigen für den Versuch. Brachte es nicht fertig, grinste und floh…
…Philosophieren heißt sterben lernen. Nachts träumte ich mehrmals den gleichen Traum: Ich sehe mich als Dozent in einer Lehranstalt der „Ars Morendo“. Die Hörer liegen stumm in den Bänken. Ihre Nasen wachsen und schrumpfen. Es sind die Promovierten dieser Kunst, kurz vor ihrer Habilitation. Ein Zeichen? …
…Ich zittere. Nicht wegen der Kälte von außen. Von innen zerrt es an meinem Körper, so heftig, dass mir mein Diktiergerät aus der Hand fällt. Irgendetwas wollte ich doch aufzeichnen. Aber was? Für wen? Das Wort „Totenmaske“ lässt mich nicht mehr frei und, von der Sterbenden her, nicht mehr aus dem Auge. Warum hat mich die Oberin des Hospizes ohne Maske eingelassen und mir das Sterbezimmer gezeigt? Jählings habe ich ihre anrührend hilflose, schamhaft flüchtige Verbeugung am Christus vor den Augen. Diese Frau, hatte sie sich nicht bei der Hospitation in tausend letzten Stunden ihren stillen Glauben erarbeitet? Ist sie nicht, dem Tode näher als all die andern; tiefer ins Leben gekommen als all die anderen? Ist ihre demütige Reverenz vielleicht der gebeugte Rücken bei Pflege und Ernte jenes Ackers, auf dem keimt, was den meisten das Bitterste ist: Das Umschaffen aller Taten des Lebens von einem „So war es“ in ein „So wollte ich es!“…
…Ich versuche, sie mir Bekannte aus meiner Jugend vorzustellen, so als gingen sie neben mir. Ich sehe jedoch nur. Keine Gesichtszüge, nicht Gestalt, nicht Gestik. Einzig die Erinnerung an alte Fotografien befördert mein Nachsinnen. Erschrocken vermute ich, dass meine Vorstellungskraft verschwindet. Im Weitergehen prüfe ich dies nach. Tatsächlich: meine Erinnerungen sind wesentlich an Fotos gebunden, besonders an solche, die ich immer wieder zur Hand genommen hatte, bevor ich vor einigen Tagen den ganzen Kram entsorgte. …
…Schwarz glaubt, ich würde wieder Gedichte schreiben. Dem bleibe ich bis zum Ende ein Rätsel. Ich kann die Träume nicht aushalten. Sie kommen aus der Dunkelheit. Ich sehe, rieche, höre sie: immer dieselben Menschen, immer dieselbe Handlung. Aber die Orte, die Kleidung, die Sprache! Völlig verschieden, verwirrend, unbekannt. Vielleicht, wenn ich am Tage schlafe und nachts irgendetwas anders tue, vermeide ich sie. Aber was ist denn überhaupt „tu-bar“? …
…Ich werde mich gänzlich zurückziehen und die Warnungen meiner lebenslang malträtierten Seele nicht mehr überhören. Bleibt es mir doch nicht verborgen, dass gespielte Torheit, in welcher Absicht auch immer, schließlich einen echten Narren macht…
…Ich habe zwei Rückfälle. Einen in die Lebenskraft und einen in das Aussichtslose. Habe mich in vielerlei Hinsicht und schließlich sogar des Nachts tatsächlich wieder zum Idioten gemacht! Schwarz assistierte bedingungslos und so wütete ich, mit dem Füllfederhalte auf liniertem Papier, „Sterbekunst für alle“ Oh, du schlimmen Sucht des Hervorbringens erneut verfalle ich dir. …
...Ja, ich bin nicht endgültig gefallen. Da schmerzt nichts mehr. Sollte ich mich etwa noch einmal rappeln können, zum letzten Mal. Das Ding im Kopf will sein Lebensrecht, denn stürbe ich, stirbt es auch. Es kümmert sich mehr um mich, als mich es. Es kümmert mich überhaupt nicht. Ich werde Schwarz die ganze Thanatologie noch einmal diktieren. Aus dem Kopf! In meinen Computer, der sich ein Jahr lang ausgeruht hat, soll er es eintippen. Es muss jetzt wieder funktionieren!...
….
Scheinheilig fragte er Kuhl, was der in seinem Zustand mit einem Computer anstellen wolle. Die Antwort kam prompt. Er habe sich entschlossen, äußerte der Alte in druckreifen Sätzen, aus Verantwortung, die unerwartete und ein großes Wunder seiende Zugabe an heiterer Lebenszeit nutzend, doch die wichtigsten Gedanken seines im Feuer vernichteten Hauptwerkes, so, wie es einst Kleist mit seinem Guiscard zustande brachte, in den wesentlichen Zügen noch einmal aufzuschreiben: Kultur-Gene, Mem-Theorie, Memetische Seuche! Alle Beweise, dass der Zeitgeist den freien Willen eliminiert.
Theomir, plötzlich den Geruch alter Leute in der Nase, erklärte, dass von Schwarz nichts zu erhoffen und dieser ihm auch gar nicht gut gesonnen sei. Den Computer werde der keinesfalls herausgeben. Überdies hätte ihn die Einlösung der Bestellung an den Rand der Insolvenz gebracht.
„Schade“ – äußerte Kuhl, sichtbar betroffen – „schade, da wird wohl nichts mehr daraus, die kantschen Postulate noch zu erfüllen und Vollkommenheit anzustreben. Allerdings, dass Wohl des Fremden vielleicht doch! Obgleich“ – nun nuschelte er – „Schwarz gottlob kein Fremder ist!“
Zögerlich, vom Übermaß dessen, was er sich abverlangte gezeichnet, zog er einen schwarzen, metallisch glänzenden Stein hervor, dessen gesplitterte Kante an die Schneide eines Feuersteines erinnerte.
„Gib ihm meinen einzigen Reichtum, ich habe die Versicherung, dass dafür sehr gut bezahlt wird, es ist ein Meteorit, Teil vom Tuttle. Mich hat er aufgefordert, mein Leben zu ändern. Ich habe es nicht geschafft, die Schwäche oktroyiert es mir nur und schafft den Anschein. Ich werde nichts mehr schaffen! - Bring Schwarz das Stück, er soll es nicht gleich verkaufen. Vielleicht kann es dem jenseitigen Kopf helfen, der Wartezeit auf den Messias etwas vom Leid zu nehmen. Mehr kann ich nicht tun. Er soll mir verzeihen!“
Kuhl war gelb, wie Bienenwachs geworden; die Anstrengung auf Stirn und Hals geschrieben, machte er erneut Anstalten, noch einmal ein verlegenes Lächeln aufzusetzen, verzerrte es jedoch zu hilflosem Grinsen.
Es befremdete Theomir. Ihm wurde übel am Bett des sterbenden, für sein Leben so wichtig gewesenen Mannes. Wortlos jedoch konnte er nicht gehen. Unbestimmbares, noch immer Bindendes, veranlasste ihn, was er dachte, laut zu äußern. Mit Verehrung oder Dankbarkeit hatte es nichts mehr zu tun
„Ratschläge sind auch Schläge!“ – sagte er – „Wer verantwortungslos mit Worten spielt, verspielt die Hoffnung. Was sie da prophezeien, gilt einzig für solche wie sie, deren Herz lange vor ihrem Tode aufgehört hat, vor Freude zu klopfen.
Kuhles Geschwätze
…Wie aus dem Nichts ist plötzlich dieser Theomir wieder aufgetaucht. Ein gutes Zeichen. Ich will versuchen, sehr nett zu sein und zynische Attacken soll es nicht mehr geben…
…Nun habe ich diesem Jungen doch Vorwürfe gemacht. Er marschiert mit. Aber was soll er denn sonst tun. Weshalb will ich nun doch wieder mein Gift verspritzen, wo sie doch alle so viel davon haben in ihren Organen, in ihren Seelen, in ihrem Gemüt. Er rennt im Gefolge dieses Scharlatans in sein Verderben. Sigmund Freuds Traumanalysen beruhten einzig auf Deutungen. Jeder Mensch aber ist ein Unikat, Schicksal vollzieht sich gemäß einer zugeordneten Idee, welche wortlos ist. Das vermeintlich gesetzmäßige der Traumberichte ist somit dem jeweiligen Kulturzustand entsprechende Kopie des Mode-Pathos. Und Theomir arbeitet für ihn und ist noch stolz darauf…
…Ich habe es endlich einmal ausgesprochen. Und gerade Theomir soll es hören! Wir müssen nicht fragen ob, wie und wann die Welt untergeht. Sie tut es bereits. Sie steht in ihren Ketten gefangen, hört auf mein Kommando und marschiert mit mir gemeinsam, die ganze Menschheit als meine Begleitung, in das Jenseits…
…Diese dumme Jugend gibt sich der Digitalisierung hin mit Haut und Haar. Selbst wenn sie in kurzer Pause im Park erscheinen, laufen sie durch das Paradies mit gesenktem Haupt. Die Mächtigen haben alles erreicht: die Menschen beugen sich wieder. Dabei glauben sie, alles zu haben, jede Information, jede Kommunikation auf der Stelle nutzen zu können Und sind doch nur Süchtig-Einsame, mit der Einsamkeit vernetzt. Kein Händedruck, kein Geruch! Sie lächeln und gestikulieren, aber niemand sieht es in der toten Welt, in der im fahlen bunt der Displays das Digitale zwischen Null und Eins herumfingert. Wie wird wohl ihre Exitstrategie aussehen? …
…Irre ich mich in meinem Urteil über die digitalisierte Jugend. Der Theomir ist sehr eloquent geworden, auch klug, er philosophiert nicht mehr in Zitaten, er erfasst, was er angreift…
…Hat der Herr Schwarz jetzt endlich die Politur verloren. Seine Selbstlosigkeit war nur aus der Angst aufgesetzt, nicht mit den dummen Vorurteilen über sein Volk verdächtigt zu werden. Nein, er ist einfach nur so, wie wir alle sind. Ein Mensch, eben auch „Allzumenschlich“…
……
Kapitel 31
...Da es Dr. Baranowska in den folgenden Tagen verstand, Tiefe und Ethos ihrer Beweggründe Schritt für Schritt zu verdeutlichen und vom zunächst verstörenden Anschein zu befreien, steigerte sich seine Bereitschaft, für die Ärztin spürbar, zur Passion. In schwärmerischer Stimmlage, einem Greis eigentlich abwegig, wiederholte er mehrmals: „Ich will baldigst sterben. Strenge mich an, damit es geschieht! Von nun an im Glücksgefühl des guten Zweckes!“
Baranowska registrierte es mit Unbehagen. Dies schien kein Flirten mit der Sensation, kein leichtsinniges Spielen mit dem Schicksal mehr zu sein. Dies ist ernst gemeint, gestand sie sich, trotz des Erfolges beunruhigt, ein.
Kuhls Miene verriet, dass er seine Übertreibungen bemerkte.
„Machen sie sich keine Sorgen!“ – sagte er – „Der eigentliche Grund meiner hiesigen Anwesenheit, nämlich Sandsteiners Gier nach meinem Hirn, spielt für mich überhaupt keine Rolle. Ich habe sein Ansinnen zurückgewiesen und bin überzeugt, dass sie die Stärkere sind, den Satan zwingen und mir den Frieden bringen werden“.
Die Wissenschaftlerin glaubte, nun in Media Res gehen und trotz der Skrupel zugleich den Auftrag Sandsteiners erfüllen zu können.
„Ich werde es mit ihrem Herzen und vielleicht auch mit ihrer Leber versuchen!“ sagte sie so unaufgeregt wie möglich – „Das bedeutet jedoch, mich in die Ukraine zu begleiten!“
„Wird mich der Verbohrte gehen lassen?“
„Das hängt wiederum von ihnen ab. Wenn sie Sandsteiner doch den Gefallen tun, ihre Hirnhemisphären messen und ein wenig sondieren zu dürfen, könnte ich ihn überzeugen.“
„Sondieren?“
Für einen Augenblick war Baranowska versucht, ihm die ganze Wahrheit über das Theratom zu erzählen. Einer derjenigen Anfälle von Redlichkeit, die eine Gemeinheit begleiten kann, besonders, wenn jene wahrhaftig oder vermeintlich dem Guten dienen will.
„Es wird ihnen nicht weh tun und sie überleben es!“ – sagte die Ärztin, geschult überzeugend.
Kuhl sah sie prüfend an.
„Sind sie wirklich in der Lage und überzeugt davon, dass Organkonservierung in Schweinen Zukunft hat und zum Standard wird?“ Baranowska nickte: „In ganz Deutschland gibt es nur wenige Hundert bekennende und aktenkundige Organspender gegenüber mehrerer tausend Wartender. Das Züchten von Zellkulturen und ihre Konditionierung als funktionierende Organe wird in diesem Jahrhundert nicht mehr gelingen. Folglich ist die von mir erfundene „In Vivo-Konservierung“ von Organen ein vielversprechender Ansatz, um Organbanken aufzubauen und bedarfsgerecht ausliefern zu können!“
Doch warum sollte das die Spende Bereitschaft erhöhen?“
„Eine sehr gute Frage. Das Parken der Organe in jungen, frohwüchsigen Tieren erhöht ihre Funktionalität. Das genaue Planen der Transplantation auf dem Hintergrund einer vom Zeitdruck befreiten, hohen Präzision bezüglich Eignung, Terminisierung und Operationsort wird die Erfolgsrate und damit auch die Spende Bereitschaft bei entsprechender Aufklärung ganz sicher befördern. Hinzu kommt noch ein besonderer Vorteil, wir können mit unserer Methode den Herztod abwarten!“
„Wollen sie mir das erklären?“
Baranowska bemerkt, über sich erstaunt, wie ernst sie den Alten mittlerweile nahm. Als stünde sie vor einer Ethikkommission, entwickelte sie ihr Narrativ. Bisher, sagte sie, geschehe die Organentnahme mit dem Hirntod des Spenders. Dies lehnten, wie auch sie, bedeutende Chirurgen ab. Die Meinung gewänne an Raum, dass nach Abschaltung der künstlichen Lebenserhaltung der Herztod abgewartet werden müsse. Erst der von Maschinerie befreite und befreiende Herztod sei der eindeutige Beweis für den Hirntod!
„Ohne Herzstillstand ist der Hirntod kein Tod!“ – äußerte sie so apodiktisch, dass es ein Gschmäckle bekam. Zynisch setzte sie hinzu, dass der Hirntod nicht der Tod sein könne, weil er allzu oft schon in der Mitte des Lebens zu beobachten sei!
Kuhl schien verunsichert. Sie bemerkte es, schalt sich und sagte konzilianter:
„Wenn die Angehörigen sehen, dass sich unter dem Beatmungsgerät die Lunge noch hebt und senkt, die Herzdiagramme über die Bildschirme rennen, aber glauben sollen, das wäre der Tod und man könne nun mit dem Aufschneiden beginnen – wie sollen sie da nicht erschrecken? Man will so etwas nicht! Die Spende Bereitschaft tritt auf der Stelle. So sterben Tausende der Wartenden und hofften vergeblich. Um also auf ihre Frage zurückzukommen: Der Herztod als Kriterium, der würde nicht in dem Maße wie zurzeit abschrecken und folglich dazu führen, dass mehr Organe als bisher zur Verfügung gestellt werden“.
Kuhl gab wie zu erwarten einen Kommentar. „Herztod versus Hirntod. Wohnt unser „Ich“ im Hirn oder im Herzen?
„Da müssen sie Sandsteiner fragen, der sucht schon sein ganzes Leben lang nach dem „Ich“! Offensichtlich sind genau sie es, mit dessen Hilfe er meint, es zu finden.“
„Sie sind eine ausgezeichnete Moderatorin und Agitatorin. Sie haben mich überzeugt. Ich werde mein Hirn dem Professor zu Verfügung stellen, entnehmen darf er es aber erst, wenn sie mein Herz und meine Leber gerettet haben.“
Er klang schelmisch und er lächelte auch so. Dr. Baranowska atmete befreit und schickte sich an, zu gehen. Das wollte Kuhl offensichtlich nicht.
„Warten sie!“- rief er - „Warum nehmen sie nicht gleich die Schweineorgane? Warum müssen es geparkte vom Menschen sein. Die direkten Xeno-Transplantationen wären doch das Einfachste!“
„Ihre Fragen werden immer besser!“
Baranowska war zwar genervt, meinte es trotzdem ernst. Die Sympathie für den Alten wuchs weiter.
„Es gibt eine individuell unterschiedlich ausgeprägte Aversion vieler Menschen, mit Schweineorganen weiterzuleben. Sie ist zwar unbegründet, behindert jedoch die entsprechende Forschung gewaltig. Ein nur kurzeitig in vivo geparktes Menschenorgan hingegen wird, wie unsere Befragungen zeigen, nach kurzem Schauder durchaus akzeptiert!“
„Warum sollte es einem da schaudern? Ich habe von der Goodell gelernt, wie dumm es ist, eine besondere Grenze zwischen Menschen und Tieren anzunehmen. Wäre es nicht noch logischer, Schimpansen für ihre Arbeit zu verwenden?“
„Logisch ja, aber niemand könnte es tolerieren, wenn wir uns bei dem psychisch so nahen Verwandten bedienen würden. Was nur Wenige wissen ist, dass Größe und Physiologie der Schweineorgane weit besser zu uns passen als die der Affen.“
„Und was geschieht mit den Tieren. wenn man ihnen die deponierten Organe wieder wegnimmt?“
„Da bleibt nur die Schlachtung, aber das geschieht ohnehin millionenfach. Vorher aber, bevor die Tiere das Organ implantiert bekommen, haben sie ein Leben, wie kein einziges Schwein ansonsten auf der Erde. Und wenn sie das Menschen-Organ tragen, werden sie wie im Paradies geheilt, gepflegt, gehalten und verwöhnt.“
Kuhl war nun Feuer und Flamme. Sie hatte so lange auf einen motivierten Menschen gewartet, konnte sich momentan jedoch nicht freuen. Sie befürchtete, dass der Patient kaum realisiert habe, fort zu sein, wenn sein Herz in einem Tierkörper schlägt.
„Ist ihnen klar, dass sie verstorben sind, wenn das alles passiert? – stoppte sie die Euphorie des alten Mannes.
Kuhl ging darüber hinweg. Von einem Augenblick zum andern sagte er dezidiert unpathetisch:
„Ich will genau wissen, was nach meinem Tod passiert. Sie entnehmen meine Organe und müssen deren Eignung prüfen. Ich habe das, was sie mir vorgestern sagten, durchdacht. Ich weiß nun, dass Perfusion Durchlaufgeschwindigkeit bedeutet. Und normotherm?“
„Ich hatte es doch schon gesagt. Es hat mit der Prozess Temperatur zu tun. Normal beträgt sie etwa 25 Grad, darauf werden bisher die Spender nach dem Hirntod heruntergekühlt und das bleibt auch die Temperatur der Organe auf dem Weg zum Empfänger. Das schwächt deren Vitalität und ist ein hohes Risiko, weil für die gesamte Übertragung gewöhnlich bis zu 36 Stunden gebraucht werden. Die totale Verfügbarkeit eines Tieres erlaubt mir jedoch, die Operation, Perfusion und Einsetzung konstant bei 38 Grad Celsius unmittelbar, innerhalb von Minuten in kürzester Zeit von Spender zu Empfänger und auch wieder zurück - ein nicht zu überschätzender Vorteil meines Verfahrens“
Kuhl nahm das auf, als ginge es um ein warmes Plätzchen am Kamin. „Warme Perfusion! Also, wie sie schon einmal versprochen hatten: Tatsächlich keine Tiefkühltruhe, kein steingefrorenes Herz, sondern leicht erhöhte Körperwärme während der gesamten Prozedur. Das ist ja zauberhaft! Da könnte ich ihnen was griechisches erzählen…“
„Haben sie bereits!“ - sagte die Baranowska und verließ den grübelnden Greis.
Kuhles Geschwätze
…Sie will meine Organe warm und durchblutet erhalten, bis der Empfänger gefunden und operationsbereit ist. Nimmt sie mich etwa genauso frech auf den Arm, wie es Sandsteiner tut? Und wieweit ist Burgner involviert? Was habe ich an mir, dass mich niemand mehr ernst nimmt, ein jeder jedoch etwas von mir zu Eigen haben will…
…Was ist das für ein Mann, dieser Burgner. Wie glücklich ich mich geschätzt habe, ihm begegnet zu sein. Ich glaubte an ein Wunder; in meinen allerletzten Tagen noch Freundschaft zu erleben. Zu einem besseren Menschen als mich. Einem Mann, der auch in materieller Hinsicht erfolgreich ist und es nicht nötig hat, in die Entsagungslieder der Verlierer einzustimmen. Bessere Kräfte ringen mit mir. Oh, wäre doch noch die Zeit, dass sie mich beruhigen könnten auf dem letzten Weg…
…Heute habe ich die über Tage hingeschleppte Sätze meines moralischen Testaments willkürlich zusammengefasst, da ich dieses Leben nicht eine Minute länger aushalte. Ich gebe es nun allein Burgner zur Kenntnis:
Hiermit erklärte ich meinen Willen, baldigst zu sterben und bitte, nichts zu unternehmen, um mich daran zu hindern. Bis vor wenigen Tagen noch war meine biographische Bilanz katastrophal. Einzig die Illusion einer späten Freundschaft und die sorglosen Tage in dieser Ruine haben mir die Kraft zum Leben erhalten. Zu lange litt ich unter dem aktuellen Zustand von Natur und Gesellschaft. Mein bescheidenes Wissen aus der Literatur, meine schlichten Freuden an ernster Musik und mein laienhaftes Erstaunen über die Kunst vergangener Epochen haben mir die Gewissheit geschenkt, dass sie, diese Welt, einstmals für ein Menschenglück ergiebiger gefügt war. Ich habe diese Zeiten nicht erlebt. Ahne jedoch ihre Quelle und war, bis mein Organismus nicht mehr mitmachte, unterwegs, um derer Residuen, nämlich Verschmähung des Eigennutzes bei Vermehrung allgemeinen Wohlstandes, dort wo ich lebe aufzuspüren. Ich hatte lange die vermeintliche Hoffnung, sie freilegen und von Unrat befreien zu können. Dies hat sich als Illusion erwiesen. Nichts davon ist noch übrig! Ich will nicht mehr ändern, nicht mehr machen, sondern nur noch geben. Da ich zu lange erfolglos herumgetrottet bin, überkommt mich nun eine Unpässlichkeit des Gemütes, eine „graue Verdunklung“. Kein Medikament der seelenverlorenen Psychiatrie könnte mich da heilen. Höchstens betäuben! Ich will das nicht! Denn selbst unter dem üblen Atem des Zeitgeistes kann ich noch hier und da, inmitten aller Verwüstung, inmitten des feilen Lärms, der Veitstanzes, und der Hoffart des perfide von Konsum- und Spiellust verdummten Volkes „Menschliches-Allzumenschliches“ aufspüren. Das bringt mir für Minuten Lebenslust zurück. Und ist zugleich unerträglich, da ich nicht mehr die Kraft habe, solche Milieus zu beschreiben. Es wäre ja nicht für diese Zeit. Nur für die Späteren, die in guter Absicht erneut antreten wollen, um der Menschheit Raum zu geben für ungeheuchelte Würde, Freiheit und Werte. Ich glaube, solche brauchten Information darüber, wer wir wirklich sein wollten. Aus dem gegenwärtigen literarischen Main-Stream jedenfalls können sie es nicht erfahren. Lieber Burgner, du allein hast mir zugehört. Leider konnte ich dir über das, was mich zu Werken veranlasste, nichts sagen, ich habe sie alle verbrannt und ersäuft. Es wäre schön gewesen, deinen Einsichten und Klugheiten meine Ergüsse rücksichtslos vorzustellen. Nun werde ich mich unter die Schweine begeben und dort warten, bis mich der Vater ins Haus holt, mich speist und tränkt und mich segnet!...
…Mein über Tage zusammengestelltes Pamphlet habe ich nun, ein wenig rätselhaft, abgerundet und Burgner zugeschoben. Ich wollte nicht dabei sein, wenn er es liest. Ich will ihn eigentlich gar nicht mehr treffen, weil ich an unserer gemeinsamen Klugscheißerei keine Freude mehr finde. Ich glaube, zwischen uns ist alles gesagt und was nun käme, würde nur noch banalisieren.
…Oh, die Baranowska! Eine unglaubliche Frau. Ich werde mich von ihr mit Wonne ausweiden lassen. So ein Weib! Vielleicht gelingt meinem Körper unter ihren Händen die Entzückungsspitze.
…Wir, das ganze Universum, sind wir nicht nur das dreidimensionale Hologramm eines dimensionslosen Willens?...
Oliver Hartman
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